Teilprojekt F11 Der ,wahre' Islam: Religiös-politische Bewegungen des Nahen und Mittleren Ostens zwischen Tradition und Erneuerung

Leiterin: Angelika Hartmann



Vorstellungen von Zeitverläufen und Zeitzusammenhängen sind von zentraler Bedeutung für Identitätsbildungen von Individuen und Kollektiven. Sie dienen der Bewältigung von Kontingenz und entwerfen Sinnhorizonte, indem sie Deutungsmuster für Vergangenheit und Gegenwart sowie Handlungsoptionen für die Zukunft liefern. Als eine der Erinnerung zugrunde liegende Deutungsstruktur prägen soziokulturell vermittelte Zeitvorstellungen auch muslimische Interpretationen religiöser Konzepte, Selbst- und Fremdbilder. Neue Selbstverortungen in der Geschichte und neue zeitliche Verlaufsentwürfe durch die Wahrnehmung von Umbrüchen, historischen Zäsuren und Krisen führen nicht nur zu Veränderungen von Identitätskonstruktionen muslimischer Erinnerungsgemeinschaften, sondern auch zu konkurrierenden neuen Bestimmungen des 'wahren' Islam und der 'wahren' Tradition. Es kommt zu Sakralisierungen von weltlichen Begriffen, historischen Personen und Epochen, umgekehrt aber auch zu Profanisierungen von vordem Sakralem.

Das Teilprojekt untersucht diese Dynamik von identitätskonstitutiven Erinnerungsprozessen islamischer Gemeinschaften und die Zusammenhänge zwischen Zeitvorstellungen, ihren Transformationen und religiösen Deutungsmustern. Ausgehend von der Prämisse, dass sich durch Veränderungen von Zeiterfahrungen Erinnerungs- und Vergessensinteressen verschieben, fragt das Teilprojekt danach, welche Auswirkungen Zeitvorstellungen auf Transformationen von Werten und Wissensordnungen, Traditionsverwerfungen und neue Traditionsbildungen haben. Wie prägen sie muslimische Erinnerungspraktiken und Entwürfe kollektiver Identität, und umgekehrt: wie werden sie durch Erinnerung beeinflusst? Wo und wie entstehen 'Importe' und 'Montagen' aus anderen religiösen und kulturellen Traditionen? Bei der Beantwortung dieser Fragen decken insgesamt drei transnationale und transkulturelle Arbeitsvorhaben sowohl eine synchrone als auch eine diachrone Perspektive ab. Die Arbeitsvorhaben verbindet ein gemeinsames Interesse an den Spannungsfeldern von Tradition und Politik, Sakralität und Profanität wie auch an der Dynamik von Gedächtnis und Gegengedächtnis. Zudem dienen die beiden historisch orientierten Arbeitsvorhaben 2 und 3 (10.-13. Jahrhundert) als Grundlage für das gegenwartsbezogene Arbeitsvorhaben 1, da das islamische 'Mittelalter' weitaus stärker, als bisher angenommen, auch von einer Vielfalt politischer und geistiger Umbrüche geprägt ist. Dynamisch defensive Erinnerungsfaktoren, Erneuerungsversuche, Traumata und inverse Aktionen wirken bis in die Konzepte des 'Wir' und der 'Anderen' innerhalb konkurrierender Bestimmungen des "wahren" Islam der Gegenwart entscheidend fort.

Im ersten Arbeitsvorhaben 'Martyrium - Erinnerung - Zeitverlauf: Martyriumskonzepte religiös-politischer Bewegungen des Nahen und Mittleren Ostens' wird mit Blick auf Erinnerungspraktiken und Zeitvorstellungen der Wandel in Martyriumskonzepten palästinensischer religiös-politischer Bewegungen zwischen 1930 und 2004 analysiert. In einem zweiten Teil wird die aktuelle Rezeption dieser Entwicklungen in benachbarten Ländern untersucht. Das Arbeitsvorhaben fragt nach dem Einfluss von Veränderungen im Zeitbewusstsein auf die Sinnstiftungsprozesse, die dem Paradigma des Martyriums und seinen gravierenden Transformationen im palästinensischen Kontext zugrunde liegen. Es nimmt als historische Zäsuren, Krisen oder politische Umbrüche wahrgenommene Ereignisse in den Blick und deren Auswirkungen auf die Versuche, das jeweilige Martyriumskonzept als authentisch islamisch und als Fortführung 'wahrer' Tradition zu begründen. Mit welchen Erinnerungsfiguren und -motiven wird das Martyrium als performativer Akt geschaffen, der durch die ('gegenleidende') Tat zum Triumph des Kollektivs wird? Wie verarbeiten Erinnerungspraktiken dabei entstehende Traditionsneubildungen und -verwerfungen wie etwa die in der neuen Kategorie des istishhadis, in dessen provokativem Opfertod sich das Paradoxum von Macht und Machtlosigkeit verankert und verschiedene Semantiken von Heroenhaftigkeit, Opferstatus und Erlösung verschränken.

Das zweite Arbeitsvorhaben 'Traditionalismus und Wiederbelebung - Neuerung und Verdrängung. Zur Frage nach linearem Denken, Zyklen und Deckerinnerungen in Diskursen des islamischen Mittelalters (11. - 13. Jh.)' untersucht transdisziplinär die Übertragbarkeit empirischer Erkenntnisse und Thesen der neueren Mentalitätsgeschichte, zu der vor allem die Psychoanalyse Wesentliches beigetragen hat, in Verbindung mit vergleichender Mythenforschung auf einen kulturwissenschaftlichen Kontext, konkret: in die Kontexte muslimischer Theologie, Mystik und Geschichtsschreibung des 11.-13. Jahrhunderts im Raum Irak, Syrien und Iran. Lassen sich abstrakte Systeme psychoanalytischer Wahrnehmung in attraktive Metaphern für den zu untersuchenden islamwissenschaftlichen Kontext übertragen? Erschaffen sie dadurch einen neuen Bedeutungszusammenhang für die Um- und Neudeutung des 'wahren' Glaubens und der 'wahren' Tradition des Islam, verbunden mit politischer Neuorientierung? Mit Hilfe des polychronen Modells von Geschichte und Erinnern sowie der grundlegenden Begriffe der 'Verdrängung', 'Wiederholung' und 'Nachträglichkeit' sollen implizite Erinnerungen und das in den historisch-kontextuellen Paradigmata unbewusst vorhandene, nichtdeklarative Wissen - soweit erschließbar - aufgedeckt werden. Dabei wird im jeweils kontextualisierten Fall neben der bewussten Intention von Geschichte auch das unbewusst Abgewehrte mitgedacht, wobei stets nach den Funktionsmodi der mentalen Schichten und Modelle des Erinnerungsprozesses zu fragen ist.

Das dritte Arbeitsvorhaben 'Zeit und Zeitlichkeit in den theologisch-philosophischen Systemen des islamischen Mittelalters' untersucht unterschiedliche theoretische Modelle von Zeit und Zeitlichkeit in der theologisch-philosophischen Literatur des 10. bis 13. Jahrhunderts. Es fragt nach verschiedenen Modellen von Zeit und den jeweils dazu gehörenden ontologischen Hintergründen. Spiegeln sich unterschiedliche Sichtweisen auf die Essenz der Geschöpfe und ihr Verhältnis zur Existenz auch in unterschiedlichen Auffassungen von Zeit und Zeitlichkeit wieder? Das Arbeitsvorhaben analysiert, wie sich die als Brüche wahrgenommenenen Einflüsse von Avicenna auf ash´aratische Zeitverlaufsentwürfe und religiöse Deutungsmuster auswirken und wie unterschiedliche theoretische Konzepte von Zeit, insbesondere aber unterschiedliche ontologische und metaphysische Konzepte, die die eigentliche Basis für den jeweiligen Zeitbegriff stellen, eine andere Sichtweise auf die Menschheits- oder die islamische - das heißt: die eigene - Geschichte bewirken.