Institut für Orientalistik

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Das Institut  
     
  Orientalistik
in Giessen

Ein historischer Überblick

 
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    Resümee:
Orientalistische Studien haben in Gießen eine lange, mehr als 300jährige Tradition. Der erste Lehrstuhl für Orientalische Sprachen an der damaligen Ludwigs-Universität (Ludoviciana, benannt nach ihrem Gründer, Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt) wurde 1670 besetzt. Das Fach stand zunächst weitgehend im Dienst der Theologie, die das Studium der Orientalischen Sprachen als Hilfswissenschaft der Bibelkunde nutzte. Erst im 19. Jahrhundert erhielt die Orientalistik in Gießen den Rang einer eigenständigen Wissenschaft, die Kultur und Geschichte der Länder des Nahen und Mittleren Ostens - damals noch als "Morgenland" bezeichnet - zum eigentlichen Forschungsgegenstand erhob. Semitistik und Islamwissenschaft, aber auch Osmanistik und Geschichte des Alten Orients wurden zu inhaltlichen Schwerpunkten der Giessener Orientalistik. 1946 wurde das Fach wie alle anderen geisteswissenschaftlichen Bereiche an der Giessener Universität aufgelöst und erst 1964 an der nun Justus-Liebig-Universität genannten Hochschule wieder aufgebaut.
 
       
    Im einzelnen:
Orientalistische Sprachen und "morgenländische Studien" blicken in Giessen auf eine lange Geschichte zurück. 1670 wurde zum ersten Mal ein Lehrstuhl für orientalische Sprachen eingerichtet. Die Berufung galt dem Theologen, Judaisten und Orientalisten David Clodius (1644-1687). Fortan stellten die Giessener Orientalisten ihr Interesse an den Sprachen des Orients fast ausschließlich - wie an anderen Universitäten Europas auch - in den Dienst der Theologie. Dies änderte sich erst 1833 mit der Berufung von Johann August Vullers (1803-1881). Vullers war aus der Schule von Silvestre de Sacy (1758-1838) hervorgegangen, des Begründers der wissenschaftlichen Arabistik in Europa. Vullers betrachtet die Orientalistik als eine eigenständige Wissenschaft. Er machte sich zu Aufgabe, Kultur und Geschichte der "morgenländischen Völker" um ihrer selbst willen zu erforschen. Vullers entfaltete in Gießen eine vielseitige Lehrtätigkeit, die fast ein halbes Jahrhundert andauerte. Sein Hauptinteresse galt der persischen Sprache und Literatur. Sein bekanntestes Werk ist das monumentale Lexicon Persico-Latinum (2 Bde. u. Suppl., Giessae 1855-1867), das noch heute unentbehrlich ist und 1962 photomechanisch nachgedruckt wurde.

Nach Vullers Tod, 1881, blieb die Professur 20 Jahre unbesetzt, bis sie in einen Lehrstuhl für semitische Sprachen (Semitistik) umgewandelt und mit Friedrich Zacharias Schwally (1863-1919), einem Schüler Theodor Nöldekes (1836-1930), besetzt wurde. Schwally brachte 1909 und 1919 die ersten beiden Bände Nöldekes berühmter Geschichte des Korans in völliger Neubearbeitung heraus. Er war auch an der Berliner Ibn Sa'd-Ausgabe beteiligt. Sein Interesse galt vor allem dem Arabischen und dem Aramäischen.

Eine andere semitische Sprache, das Äthiopische, wurde in Gießen an der Theologischen Fakultät - nicht an der Philosophischen - gepflegt. Ja, man muß sagen, daß die äthiopischen Studien in Deutschland in Gießen wiederbegründet wurden. Dies geschah in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, 1864-69, durch August Dillmann (1823- 94), der die alttestamentarische Forschung mit der Orientalistik verband.

 
       
    Die Orientalistik selbst erweiterte zu Beginn unseres Jahrhunderts ihren Forschungsgegenstand. Paul Ernst Kahle (1875-1964) kam 1914 nach Gießen, ein Gelehrter von erstaunlicher Universalität. Seine Interessen reichten von der Hebraistik über die Arabistik bis zur Osmanistik. In der Hebraistik beschäftigte ihn hauptsächliche die Geschichte hebräischen Bibeltextes und seiner verschiedenen Vokalisationssysteme, in der Arabistik schrieb er Abhandlungen zur Geschichte Ägyptens, zum ägyptischen Volksglauben und zum Schattenspiel (1994 hrsg. von Derek Hopwood). In der Osmanistik interessierte ihn vor allem die nautische Literatur. So entdeckte Kahle u.a. die verschollene Kolumbuskarte von 1498 in einer türkischen Weltkarte aus dem Jahre 1513 wieder.

Auf Kahle folgte 1923 Rudolf Strothmann (1877-1960). Mit ihm war ein Islamwissenschaftler nach Gießen gekommen, der vor allem die muslimischen Randgruppen und Sekten erforschte.

Die weitgefächerte Entwicklung der orientalischen Studien in Gießen fand 1933 vorläufig ein Ende. Der damalige Lehrstuhlinhaber, Julius Lewy (1895-1963), ein bedeutender Kenner des Akkadischen und der Geschichte des Alten Orients - er bearbeitete u.a. die kappadokisch-akkadischen Tontafeln von Kültepe -, wurde aus "rassischen" Gründen entlassen und musste aus Deutschland emigrieren. Bis zum Ende des 2. Weltkriegs führten die orientalischen Studien nur ein Schattendasein in Gießen.

 
       
    Zusammengefasst lässt sich sagen:
In den ersten 160 Jahren ihrer Existenz, 1670-1830, war die Giessener Orientalistik nicht mehr als eine Hilfswissenschaft der Alttestamentforschung. Mit Vullers begann eine zweite Periode des orientalistischen Wissenschaftsverständnisses. Er leitete die Reihe jener Orientalisten ein, "die in den orientalischen Sprachen, Literaturen und Religionen und in der Geschichte des Orients Gegenstände erblickten, deren Erforschung der Vermehrung unserer allgemeinen Erkenntnis menschlicher Kultur dienen sollte." (Wagner, Das Seminar, S. 28 r. Sp.) Mit "jedem neuen Lehrstuhlinhaber kam in Gießen einen neue Forschungsrichtung zum Zuge" (ebd.): Persisch, Äthiopisch, allgemeine Semitistik, Hebräisch, Arabisch, Akkadisch.
 
       
    Nach dem 2. Weltkrieg begann eine dritte Periode in der Geschichte der Giessener Orientalistik. Zunächst wurden 1946 alle Fächer der Universität gestrichen mit Ausnahme der Landwirtschaft, der Veterinärmedizin und den notwendigsten Naturwissenschaften, später auch der Humanmedizin. Für diese Fächer wurde - nach dem Wunsch der Alliierten - die alte "Ludoviciana" in die "Justus-Liebig-Hochschule" umgewandelt. Erst im Jahr 1957 wurde der Universitätsstatus wiederhergestellt. Die Orientalistik war fast 20 Jahre in Gießen nicht existent.

Erst 1964 wurde ein neues Institut mit einem neuen Schwerpunkt und einer neuen Benennung eingerichtet. Es hatte den Namen "Seminar für Sprachen und Kulturen Nordafrikas". In Gießen wurde "gerade dieser Ausschnitt aus dem Gesamtgebiet der Orientalistik gewählt, weil die Universität Gießen es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Studium der tropischen und subtropischen Länder zu fördern." (Wagner, Das Seminar, S. 28 r. Sp.) Somit lag auf der Erforschung Afrikas ein besonderes Schwergewicht.
Für die Orientalistik bedeutete dies: Im Studienbereich des neu gegründeten Seminars und in der Ausstattung der Bibliothek überschnitten sich die drei klassischen Fächer der Orientalistik. Dies waren die Semitistik einschließlich der Sprache und Kultur des christlichen Äthiopiens, die Islamwissenschaft und die Afrikanistik. "Die Giessener Konzeption sollte neue Formen der interdisziplinären Forschung und Lehre ermöglichen, die insbesondere in Zusammenarbeit mit dem Tropeninstitut und dem Institut für Geographie (...) zum Tragen kommen sollten." (Röhrborn, Orientalistik, S. 6.)
Was die Semitistik angeht, so sind in Gießen bis zum Jahr 1992 die südsemitischen Sprachen (Nordarabisch, Südarabisch, abessinische Semitensprachen) besonders gepflegt worden, während im Gegensatz dazu an der Nachbaruniversität Marburg die nordsemitischen Sprachen stärkere Berücksichtigung fanden. (Wagner, Das Seminar, S. 29 r. Sp.)

 
       
    Die dritte Periode der Giessener Orientalistik ist mit dem Namen Ewald Wagner (geb. 8.8.1927) verknüpft. Wagner wurde im Gründungsjahr des Seminars, 1964, an die Justus-Liebig-Universität berufen. Er leitete die Orientalistik bis zu seiner Emeritierung, 1992. Wagners Forschungsschwerpunkte liegen zum einen auf dem Gebiet des klassischen Arabisch, d.h. vor allem der arabischen Literaturgeschichte der Abbasidenzeit - seine Ausgabe der Gedichte des Abu Nuwas (Wiesbaden 1958) ist ebenso bekannt wie seine Darstellung der klassisch-arabischen Dichtung (Darmstadt 1987/88). Zum anderen bearbeitet er im Rahmen der "Katalogisierung der orientalischen Handschriften in Deutschland" (KOHD) arabische Handschriften aus Äthiopien. Die Arbeitsstelle befindet sich in Jena. Die Katalogisierung der alttürkischen (altuigurischen) Handschriften wird in Göttingen und Marburg fortgesetzt.

1978 wurde "Arabistik" erstmals als Nebenfach des neuen Diplom-Studiengangs "Neuere Fremdsprachen" zugelassen, einer Kombination aus Wirtschaftswissenschaft mit einer europäischen Fremdsprache und dem modernen Arabisch. Mit diesem innovativen Studiengang erhofft sich die Universität eine Bereicherung des Marktes - eine Verbindung von Wirtschaftskenntnis, Landeskunde und Fremdsprache - und damit ein deutliches "Nein" zu jeder Form von Eurozentrismus. Ähnliches gilt für die Verwendung des Türkischen und Arabischen als Studienelemente im Aufbaustudiengang "Deutsch als Fremdsprache" seit 1984. Somit ist in Gießen allmählich der Weg für eine gegenwartsbezogene Orientforschung neben der traditionell philologisch-historisch ausgerichteten Islamwissenschaft, Arabistik und Turkologie bereitet worden.

 
       
    Mit der Berufung von Angelika Hartmann (geb. 3.12.1944) aus der sowohl philologisch als auch kultur- und sozialwissenschaftlich arbeitenden "Hamburger Schule" auf den Giessener Lehrstuhl für "Islamwissenschaft/Arabistik" 1993 nahm die Verlagerung der Schwerpunkte innerhalb der Orientalistik weitere Konturen an. (Dazu Uni-Forum vom 27. Oktober 1993, S. 10. Siehe auch Forschungsprojekte und Akademische Vernetzungen und gesellschaftliche Aufgaben.) Das Fach Semitistik war bereits ein Jahr zuvor gestrichen worden. Die freigewordene C3-Professur für Turkologie ist seit Oktober 2003 von Mark Kirchner (geb. 02.02.1960) besetzt. Die Fächer Islamwissenschaft/Arabistik und Turkologie werden direkt für die Zusammenarbeit mit den islamischen Ländern nutzbar gemacht werden - für ihre Wirtschaft und Außenpolitik, ihre Medienwelt, ihre Sozial- und Bildungspolitik.
Um dieses Ziel zu erreichen, sind Reformen auch im Bereich der Studienordnungen nötig. Integrierte und integrierbare Studiengänge für Juristen, Politologen, Volks- und Betriebswirte, Geographen, Informatiker, Historiker und Soziologen werden entwickelt.

Mit den herkömmlichen orientalistischen Forschungs- und Lehrmethoden lassen sich die Akkulturationseffekte in den vom Islam geprägten Gesellschaften nicht mehr erklären. Die Islamwissenschaft ist daher - in Gießen wie andernorts - auf die Methodologie integrierbarer Nebenfächer angewiesen.

Warum studieren junge Leute Islamwissenschaft, Arabistik oder Turkologie in Gießen? Sie haben erkannt, dass sich mit dem Hochschulexamen der Massenfächer allein nicht viel anfangen lässt. Zusatz- und Schlüsselqualifikationen werden heute verlangt. Deshalb sind Parallelstudiengänge, Studienelemente und Aufbaustudiengänge wichtig geworden.

 
       
    Literatur:

Ewald Wagner, "Das Seminar für Sprachen und Kulturen Nordafrikas an der Justus-Liebig-Universität zu Giessen" in: Giessener Hochschulblätter, 12 (1965) 3, S. 26-29

Klaus Röhrborn, "Orientalistik an der Giessener Universität von 1833 bis 1889", in: Kashkul. Festschrift zum 25. Jahrestag der Wiederbegründung des Instituts für Orientalistik an der Justus-Liebig-Universität Giessen, hrsg. v. E. Wagner und K. Röhrborn, Wiesbaden 1989, S. 1-7

Angelika Hartmann: Orientalistik und Islambegriff heute, in: Angewandte interdisziplinäre Orientforschung. Stand und Perspektiven im westlichen und östlichen Deutschland, ed. Angelika Hartmann and Konrad Schliephake, Hamburg 1991 (Mitteilungen des Deutschen Orient-Instituts, 41), S. 121-148

Angelika Hartmann: Der islamische "Fundamentalismus". Wahrnehmung und Realität einer neuen Entwicklung im Islam, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 28/97, 4. Juli 1997, S. 3-13

"Uni-Forum der Justus-Liebig-Universität Giessen", vom 27. Oktober 1993, S. 10

"Uni-Forum der Justus-Liebig-Universität Giessen" vom 24. Januar 1996, S. 4

DAVO Nachrichten, 4, 1996, S. 59.

Deutscher Forschungsdienst (df) 8, 1996, S. 3.

Inamo Beiträge, 5/6, 1996, S. 77.

 
       
       
       
   

Letzte Bearbeitung dieser Seite am 31.08.2004