Institut für Orientalistik

Otto-Behaghel-Str. 10 E, D-35394 Giessen, www.uni-giessen.de/orientalistik


  Institut für Orientalistik, Giessen -> Islamwissenschaft und Arabistik -> Konzept der Giessener Islamwissenschaft  

Islamwissenschaft und Arabistik  
     
    Bildung ist mehr als Wissensvermittlung  
       
    Bildung als Wertevermittlung

Gerade in einem Fach, das sich dem historisch-kritischen Studium einer Religion, des Islams, und der von ihm geprägten Kulturräume verschrieben hat, liegt ein besonderer Schwerpunkt in der Vermittlung von Werten. In der Auseinandersetzung mit Islamismus und religiöser Intoleranz einerseits und der gesellschaftlichen Ausgrenzung und Isolation muslimischer Migranten und Migrantinnen sieht sich die Islamwissenschaft auch als Ort der Vermittlung demokratischer Grundwerte wie Toleranz und Gerechtigkeit.“ (Aus der Zielvereinbarung des Instituts für Orientalistik, Dezember 2002)


Vermittlung kultureller Kompetenz

Seit ihrem Bestehen in Gießen versteht sich die Islamwissenschaft nicht nur als Ort der Analyse "fremder", außereuropäischer Kulturen, sondern sie tritt auch als Vermittler von notwendigen Zu-satz- und Schlüsselqualifikationen für die traditionellen europabezogenen Studienfächer hervor.

Heute leben fast 3 Millionen Muslime in Deutschland. Die Staaten der islamischen Welt sind Europas Nachbarn im Süden, Osten und Südosten. Das gesamte südliche und östliche Mittelmeergebiet, die ostarabischen Länder sowie das weite Gebiet vom Iran bis zum Hindukusch, von der Wolga bis in die Steppen Mittelasiens werden die Zukunft Europas um ein Vielfaches mehr beeinflussen, als dies vor den Ereignissen vom 11. September 2001 erkennbar war. Die Islamwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität hat sich in zunehmendem Maße aktiv in diese neue Situation eingebracht. Hinzu kommt die Auseinandersetzung mit der bi-kulturellen und zweisprachigen Situation der in Westeuropa lebenden Muslime sowie Angehöriger anderer Religionen aus dem vom Islam dominierten östlichen Mittelmeergebiet.

Die Giessener Islamwissenschaft sieht ihre Aufgabe hauptsächlich darin, das wissenschaftliche know how sowohl zur Erkenntnis als auch zur praktischen Nutzbarmachung der veränderten und für Europa immer wichtiger werdenden geopolitischen, religiösen und kulturellen Lage in den Ländern der islamischen Welt zu erbringen. Im Ergebnis ist es das Ziel des Instituts für Orientalistik bei unseren Studierenden die Fähigkeit zum ausgleichenden Umgang mit anderen Kulturen, die kulturelle Kompetenz, zu fördern.


Wissenschaftliche Innovation

Statt sich auf die philologische Tradition des Faches zu beschränken, leistet die Islamwissenschaft in Gießen durch das Setzen sozialwissenschaftlicher Schwerpunkte ihren Beitrag im Diskurs um die Innovation der Orientwissenschaften. Dies prägt auch die Arbeit im Teilprojekt „Der `wahre´ Islam“ im SFB 434 „Erinnerungskulturen“ unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Angelika Hartmann. Ein weiteres Ziel der Lehre in der Islamwissenschaft in Gießen ist die Vermittlung von Kompetenz im Umgang mit den Neuen Medien. Hieraus entstand u. a. eine Vernetzung mit dem ZMI (Zentrum für Medien und Interaktivität) an der JLU.


Verstärkung der Außenwirkung

Neben der universitären Forschung und Lehre fördert die Islamwissenschaft durch ihren interdisziplinären und den gesamten Vorderen Orient umfassenden Ansatz in besonderem Maße den Informationsaustausch mit und zwischen den zahlreichen außeruniversitären Institutionen, welche am aktuellen politischen und kulturellen Geschehen in den islamischen Ländern interessiert sind.

Der Öffentlichkeitsarbeit des Instituts im Rahmen der Erwachsenenbildung im In- und Ausland kommt deshalb ein hoher Rang zu. Aktuelle Themen zu den Problemkreisen der religiösen Ethik, Geschichte, Politik und politischer Theorien der Muslime in ihren Heimatländern sowie in Westeuropa stehen im Mittelpunkt dieses Bereichs der Institutsaktivitäten, welche sich in Form von Vor-trägen, Podiumsdiskussionen, Mitwirkung bei berufsethischen Lehrgängen, Politikberatung sowie auch in Berichten für kirchliche bzw. weltanschaulich neutrale Einrichtungen niederschlagen.

Besonders nach den Ereignissen des 11. September 2001 hat sich die Giessener Islamwissenschaft bemüht, dem gesteigerten Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit gerecht zu werden. Hierzu zählen auch konkrete Dienstleistungen für Bundeswehr und Polizei. So wirkte das Institut mit an der Fortbildung von Bundeswehreinheiten für den Einsatz in Afghanistan, Marine-Einheiten für den Einsatz am Horn von Afrika sowie an der Qualifizierung von Polizeiführungskräften in Niedersachsen in enger Zusammenarbeit mit den hierfür zuständigen Stellen.


Zusätzliche Aufgaben für die Islamwissenschaft in Giessen

Zusätzlich zu diesen unmittelbaren Dienstleistungsaufgaben der Giessener Islamwissenschaft neben Forschung und Lehre drängen sich zwei weitere Schwerpunkte durch die aktuellen Entwicklungen auf:

- Wie sich in der öffentlichen Diskussion der vergangenen Monate herauskristallisiert hat, ist ein Islam-Unterricht in öffentlichen Schulen und unter Kontrolle der jeweiligen Schulbehörden der Länder mittelfristig ein Mittel der Integrationsförderung. Hierbei darf die Auswahl der Unterrichtsinhalte und der Lehrkräfte nicht den verschiedenen islamischen Vereinen überlassen bleiben, sondern sollte an deutschen Hochschulen als wissenschaftliches Studium erfolgen. Für das Land Hessen stellt sich insofern die Frage, welcher Weg zu gegebenem Zeitpunkt der sinnvollere und vor allem kostengünstigere ist: Die Neugründung eines Instituts für die islamische Lehrerausbildung oder besser der Ausbau bestehender Einrichtungen. Aufgrund ihrer gegenwartsbezogenen Lehre und Forschung und vor allem aufgrund ihrer Erfahrung in der Lehrerausbildung (s. Anteil der Islamwissenschaft am Studiengang „Neuere Fremdsprachen“) ist die Islamwissenschaft in Gießen als einzige Einrichtung in Hessen für diese Aufgabe geradezu prädestiniert.

- Die Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen insbesondere im Bereich des politischen Islam und des Diaspora-Islam nimmt innerhalb der Islamwissenschaft in Giessen sowohl in Forschung und Lehre einen zentralen Stellenwert ein. Mehrere Forschungsprojekte wie auch Promotionsarbeiten am Lehrstuhl für Islamwissenschaft widmeten und widmen sich diesen Entwicklungen. Diese Forschung fließt unmittelbar in die Lehre ein, sodass die Studenten bereits im Grundstudium an die Problematik herangeführt werden. Eine stärkere Zusammenarbeit mit Einrichtungen des Landes Hessen gerade in Fragen der Islamismusforschung wird von der Giessener Islamwissenschaft ausdrücklich angestrebt. Diese Zusammenarbeit kann und soll über eine reine Beratungstätigkeit hinausgehen. Denkbar wären Projekte wie eine „Dokumentationsstelle Islamismus". Hierbei könnte sowohl auf den Forschungsschwerpunkten der Institutsmitglieder sowie auf der Sammlung islamistischer `grauer Literatur´ aufgebaut werden, die in den 90er Jahren durch das Landesforschungsschwerpunktprogramm gefördert wurde.

Dokumentation "Islamismus und Zivilgesellschaft der islamischen Welt". Die Sammlung enthält Monographien, Fachzeitschriften, Graue Literatur, Presseartikel, Stellungnahmen offizieller islamischer Einrichtungen wie auch des informellen Sektors, Parlaments- und Prozessprotokolle sowie auf Video bzw. Kassette aufgezeichnete Predigten. An hessischen Universitäten stellt diese ca. 1000 Bände umfassende Dokumentation ein Novum dar

- Der islamwissenschaftliche Unterricht – orientiert an grundlegenden islamwissenschaftlichen Kenntnissen und aktuellen Entwicklungen – wie er z. Zt. in Gießen angeboten wird, deckt sich mit den Bedürfnissen der Studierenden. Trotz hoher Anforderungen – so wird das Erlernen zweier außereuropäischer Sprachen in kurzer Zeit verlangt – verdoppeln sich die Zahlen der Studierenden der Islamwissenschaft in Gießen von Jahr zu Jahr und verändert sich das Profil der Studienanfänger. Der „Bologna-Prozess" und die damit verbundene Aufgliederung in Module wird den islamwissenschaftlichen Unterricht für einen viel weiteren Kreis der Studierenden öffnen, die Zusatzqualifikationen wie Sprachkenntnisse oder kulturelle Kompetenz erwerben will.

Die Islamwissenschaft in Gießen ist ein Beispiel für die gelungene Öffnung eines traditionsreichen Faches sowohl gegenüber einer veränderten Wissenschaftslandschaft wie auch gegenüber den gesellschaftlichen Fragen, die an diese Disziplin gestellt werden. Die Einbindung der Giessener Islamwissenschaft in das geplante Zentrum für Nah- und Mittelost-Studien („Orient-Zentrum“) Marburg würde dem Land Hessen ein zentrale und immer wichtiger werdende Ressource verstärkt zur Verfügung stellen.
 
       
       
   

Letzte Bearbeitung dieser Seite am 14.07.2005